Luise Hoyer befragt Frau Merken
Duisburg ist eine Torte und wir sind die Kirschen - oder: Was will Frau Merken? Seit März 2025 ist sie in Duisburg präsent und fordert maximal schöne Politik: Frau Merken mit ihrem knallroten Overall und ihrem Markenzeichen, der Kirsche. Mit ihrer Bürofiliale in einer Ausstellung während der Duisburger Akzente, öffentlichen Sprechstunden oder auch geplanten Aktionen macht sie auf ihre Vorstellung von solidarischer, fürsorglicher Politik aufmerksam - mit Mitteln und im Rahmen der Kunst. Und das noch bis zu den Kommunalwahlen Mitte September dieses Jahres. Was steckt aber genau dahinter? Was kann und möchte die "Als-OB"-Oberbürgermeisterkandidatin als Kunstfigur mit ihrer Kampagne erreichen? Und wie ist das Projekt gemeint? Als eines ganz sicher nicht: Als Veräppelung oder Anfeindung der tatsächlich zur Oberbürgermeisterwahl antretenden Kandidat*innen. Frau Merken wertschätzt Menschen, die sich politisch engagieren, ohne zu diskriminieren, und die sich für das Gelingen gesellschaftlichen Zusammenlebens einsetzen. Aber sie hat ganz eigene, positive, freundliche und auf Schwarmintelligenz setzende Ideen zur Verbesserung des Stadtklimas, der Verständigung untereinander und zu einer Politik, die sich um die Belange aller kümmert. Mich, Luise Hoyer vom Kultursprung e.V., fasziniert das Projekt sowohl in inhaltlicher als auch in künstlerischer Hinsicht und ich finde, es hat unsere Aufmerksamkeit und im besten Falle unser Mitwirken verdient. Ich mag Torte - mir gefällt die Idee, dass Duisburg eine Sahnetorte mit Kirschen drauf sein könnte. Und ich will gerne eine dieser Kirschen sein! Vielleicht ist aber das phantasievolle Bild mit der Kirschtorte nicht für jede/n auf den ersten Blick verständlich. Deshalb habe ich Frau Merken interviewt. Zu ihrer Grundhaltung, zu ihren Sehnsüchten und zu dem Prozess, den sie anstoßen möchte.
Das Interview
Frau Merken, Sie sind bis zur Kommunalwahl Als-Ob-Oberbürgermeisterkandidatin in Duisburg. Sie treten an mit einem schönen "Als-OB" Wortspiel, in leuchtendrotem Outfit, mit viel Schwung und mit der Forderung nach einem maximal schönen Leben. Hat eine Sehnsucht nach Beseitigung von Unschönheit Sie dazu gebracht? Was möchten Sie erreichen?
Im Lexikon steht: "Politik ist die Gesamtheit aller Aktivitäten zur Vorbereitung und Herstellung gesamtgesellschaftlich verbindlicher und am Gemeinwohl orientierter und der ganzen Gesellschaft zugute kommender Entscheidungen." Ich übersetze das mal in einfache Sprache. Politik bedeutet: Menschen treffen Entscheidungen, die für alle wichtig sind und die allen Menschen helfen sollen. Als die Als-ob-Oberbürgermeisterkandidatin der Kirschen, der das Wohl Duisburgs am Herzen liegt, geht es mir genau darum: maximales Gemeinwohl durch maximal schöne Politik.
Was bedeutet Schönheit der Politik für Duisburg konkret in der Praxis? Fangen wir mit einem für mich zentralen Punkt der Schönheit an: die Solidarität. Sie ist im maximal schönen Leben selbstverständlich Teil jeder Interaktion. Doch Solidarität ist in Duisburg und auch anderswo nicht mehr selbstverständlicher Teil unseres Zusammenlebens. Das ist die logische Konsequenz eines Gesellschaftssystems, das profitorientiert vornehmlich die Konkurrenz als ein Gegeneinander belohnt - Konkurrenz zwischen Menschen genauso wie zwischen Städten. Darunter leidet Duisburg. Wachsende Arbeitslosigkeit, sinkende Produktivität und hohe Sozialausgaben erschweren zudem ein solidarisches Miteinander, denn gewöhnliche Vorschläge aus der Politik setzen blind auf das Modell der "unternehmerischen Stadt". Dies ist ein Konzept der Stadtentwicklung bei dem Städte ähnlich wie Unternehmen agieren: Sie konkurrieren unter anderem um Investitionen, Großereignisse oder qualifizierte Arbeitskräfte. Dienstleistung für die Bürger*innen steht dabei nicht im Mittelpunkt. Im Zentrum stehen wirtschaftliches Wachstum, Standortmarketing und Auslagerung von Verantwortlichkeiten durch privatwirtschaftliche Verträge. Öffentliche Aufgaben – etwa Wohnungsbau, Infrastrukturmaßnahmen oder soziale Dienste – werden wirtschaftlichen Kriterien untergeordnet. Was das bedeutet, erleben viele Duisburger*innen täglich als Erschwernis ihres Alltags.
Im Spielfeld der Kunst können wir andere Maßstäbe setzen. Wir können andere Rahmungen mit weniger einengenden Bedingungen wagen und uns erfinderisch am Kirschkern unserer Werte orientieren. Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, unser wunder- und würdevolles Dasein als Kirschen auf der Torte von Duisburg zu erproben und zu erleben.
Ihr Wahlslogan enthält zahlreiche Maximalforderungen - maximal positiv, maximal wohlwollend, maximal pragmatisch, maximal solidarisch und maximal phantastisch. Das ist ein fluffig lockeres Bild, sehr optimistisch stimmend - wie die Sahnetorte, die Ihnen als Bild für ein zukünftiges Duisburg vorschwebt. Sie selbst sind aber unwählbar - wie möchten Sie denn eine Wirksamkeit Ihrer Ideen gegenüber der drögen Krümeligkeit und freudlosen Hartlaibigkeit in Teilen der Duisburger Politik erreichen, ohne selbst in den Rat einzuziehen?
Der Weg ist das Ziel – oder in der Sprache von Frau Merken: Das Tortenbacken ist das Vergnügen der Notwendigkeit. Was als Forderungen verstanden werden könnte – von maximal positiv bis radikal solidarisch –, sind für mich Grundhaltungen. Das sind die Haltungen, mit denen ich politische Aushandlungsprozesse beginne und begleite. Wirksamkeit stellt sich dann nicht erst am Ende, sondern vom ersten Moment an ein. Wirksamkeit entfaltet sich schon dort, wo die Sehnsucht nach Kirschen auf Torten als Potenzial in den Kirschkernen zart keimt, und wo Menschen sich solidarisch zusammentun.
Zur vollen Entfaltung der Wirksamkeit im Falle der Oberbürgermeisterschaft braucht es hierfür einen eigens zu gründenen Kirschenrat. Einen Rat, der mit wohlwollendem Durchhaltevermögen und maximaler Phantasie aus trockener Krümeligkeit und freudloser Hartlaibigkeit saftige Tortenböden backt. Meine Rolle als Frau Merken ist dabei nur die der Initiatorin. Deshalb die Einladung: Kommt und lasst uns den Kirschenrat zur Welt bringen! Einen Rat, der sich Duisburg annimmt, einen Ort wechselseitigen Wärmestroms. Das macht Duisburg bereits ein wenig lebenswerter.
In Ihren regelmäßigen Montagssprechstunden suchen Sie den Kontakt mit Duisburger Bürger:innen - wie reagieren Sie, wenn jemand mit einem konkreten Sorgenkeks zu Ihnen kommt?
Alle Sorgenkekse sind willkommen und werden in Sorgekekse verwandelt. Das ist der erste Einwurf aufs Spielfeld der Kirschentorte. Man nehme einen Sorgenkeks, schenke ihm Wärme – das ist Zuwendung – und so wird er gewendet: vom Sorgenkeks zum Sorgekeks. Durch diesen Prozeß wird aus den Sorgen Fürsorge, also geteilte Sorge. Fürsorge als etwas Teilbares und Spielbares kann zurückgeworfen werden – als Kirsche, als Spielball. Ich sehe das sportlich: Stichwort "Oberbürgermeisterschaft". Wir spielen gemeinsam auf dem gemeinsamen Tortenboden als Spielfeld. Das Besondere? Viele Bälle erhöhen das Spielglück. Und: Es gibt keinen Gegner.
Sie haben sich intensiv mit der Duisburger Kommunalpolitik auseinandergesetzt - was hat Ihnen am intensivsten mißfallen? Und, um wieder in Ihren positiven Drive zu kommen: Welche guten Ansätze möchten Sie mitbestimmend unterstützen?
Sicherheit und Ordnung gelten in der Duisburger Stadtpolitik als Leitbilder – nicht selten eingesetzt als Instrumente der Ausgrenzung aus Angst. Und oft werden sie auf diese Art verstanden auch von Bürger*innen eingefordert. Dabei ließen sich Sicherheit und Ordnung anders denken und zwar im Sinne von maximalem Wohlwollen einladend und solidarisch. Die Bewertung vieler Probleme geschieht dann nicht vom Mangel sondern von der Fülle aus. Das ist selbst für mich ein anspruchsvolles Training des Perspektivwechsels. Doch es lohnt sich. Ausgehend von dieser zugewandten Perspektive ist die Torte namens Duisburg vielleicht immer noch nicht die allerschönste, aber sehr reichhaltig, und sie reicht für mehr von uns, als bisher mitbedacht wurden. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Deshalb plädiere ich für eine maximale Umverteilung und Teilhabegerechtigkeit und für eine maximal flexible Besitzstandswahrung, die nicht auf Furcht, sondern auf Zutrauen basiert. Und ich setze noch ein Sahnehäubchen drauf: dies alles mit der Perspektive, selbstverständlich maximal den Planeten zu schonen. Alle Ansätze, die diese Aspekte beinhalten, unterstütze ich aus vollem Kirschherzen, denn sie sind eine Bereicherung für unser aller Lebenswelt.
Sie sind eine Kunstfigur und Sie sind eine kluge Frau. Also eine künstliche Intelligenz mit Empathiefaktor und Eigenwilligkeit? Sie sind kein Algorithmus auf der Suche nach Entsprechungen Ihrer eigenen Blasenhaftigkeit sondern in der realen Vielfalt Duisburgs ganz ohne Hass und Hetze auf der Suche nach was? Wofür bekommt mensch von Ihnen Kirschen anstatt Likes?
Jedes Gespräch, jedes Zusammenkommen, jede Interaktion ist ein Demokratie-Training in Respekt, Toleranz und Kooperation. Dies entspricht meiner Vorstellung von einer starken, muskulösen Demokratie, deren Muskelpaket auf Teilnahme gründet. Auch hier gilt: Schon das gemeinsame Training ist der Genuß demokratischer Mitbestimmung. Und um nochmal im Bild zu bleiben: Du und ich, wir alle sind die Kirschen auf der Torte, die selbst ihre Torte anfertigen, auf der sie sich dann wohlig niederlassen können. Mein Merken-Angebot ist so gesehen eine Art Muckibude für unser gemeinsames Backen. Die Aussicht darauf finde ich maximal appetitanregend und die Suche nach guten Backzutaten spannend und notwendig.
Wie ist das mit dem Feminismus?
Duisburg ist eine Sorgenstadt. Eine feministische Perspektive kann diese Sorgenstadt in eine Sorgestadt verwandeln – ganz im Sinne der zu "Sorgekekse" umgewandelten Sorgenkekse. Eine Sorgestadt im Gegensatz zur Sorgenstadt steht für maximale Gerechtigkeit. Eine Sorgestadt bezieht bewusst Sorgearbeit des Füreinander in alle Belange ein. Eine Sorgestadt sorgt für soziale Abfederung auf der Basis großtmöglicher Gleichstellung aller. Jede Kirsche ist eine Kirsche ist eine Kirsche – für alle Kirschen auf der Torte. Feministische Stadtplanung denkt Stadt vom Leben dieser Kirschen her – von den Menschen aus und ihren Beziehungen zueinander. So einfach, so ungewohnt.
Ein Beispiel hierfür: Wir leben noch immer in einer Stadt, die vor allem patriarchal gebaut wurde, das heißt Arbeit und Wohnen wurden räumlich voneinander getrennt geplant und nach dem Prinzip der Ausbeutung strukturiert. Stadtplanung folgt dieser Logik bis heute. Konkret bedeutet das zum Beispiel, Städte werden immer noch vom Autoverkehr her gedacht. Denn wer saß historisch gesehen am Steuer? Achja. Wir folgen also immer noch einem überkommenem, patriarchalem Muster. Sich Stadt und Stadtgesellschaft anders vorzustellen, erfordert Phantasie und eine pragmatisch feinfühlige Vorstellungskraft, die bei unseren unbeschadeten und unterschiedlichen Bedürfnissen ansetzt und die alle Menschen gleichermaßen berücksichtigt. Und genau hier kommt der Feminismus ins Spiel, bzw. auf's Spielfeld – denn das ist es, was er schon immer vorgeschlägt: Lebensbejahung! Gleichberechtigt! Für alle!
Welche Formate betrachten Sie als wirksam zur Eigenermächtigung und wie können Interessierte Sie mit Ideen, Vorschlägen und dem Wunsch nach Austausch erreichen?
Gemeinschaft ermöglicht die Superkraft der Schwarmintelligenz. Das heißt: Die Summe aller Kirschen auf unserer Torte ist mehr als ihre Teile und Teilen letztendlich viel mehr als bloßer Eigennutz. Für die Stärkung demokratischer Selbstwirksamkeit lohnt es also, sich zu verbünden. Meine wärmste Empfehlung deshalb: Bildet Banden. Und verteidigt auch jetzt schon das, was noch nicht da ist, was noch unbekannt ist oder nur in Wünschen existiert. Findet die Orte, die dafür Tür und Ohren offen haben. In Duisburg gibt es einige davon. Ich habe mich als Frau Merken mit dem Lokal Harmonie zusammengetan. Dort sitze ich zur Offenen Sprechstunde bis August 2025 jeden Montag von 18 bis 19 Uhr in entspannter Erwartung von Besucher*innen. Die Offene Sprechstunde ist eine offenherzige Einladung: Kommt vorbei, tauscht Euch aus, kirscht mit, spürt die Torte! Denn auch Du bist Duisburg.
Und hier schonmal ein kleiner Ausblick in die Zukunft. Diesen Sommer wird Frau Merken durch Duisburg tingeln, um ins Gespräch zu kommen. Es kann also gut sein, daß wir uns über den Weg laufen. Und falls nicht: Es gibt hier auf dieser webseite ein Kontaktformular. Es können mir also auch wohlwollende Briefe geschrieben werden. Mit allem, was das Kirschherz in Sachen Duisburg bewegt.